Von Möpsen und anderen Grausamkeiten

Dies ist der tierärztliche Versuch, einer breiten Leserschaft das ernsthafte Thema „Qualzucht: Kurzschnäuzige Hunde“ auf leicht verständlich und humorvolle Weise darzubieten. Das ärztliche Personal hat es vorgemacht. Dr. Eckhart von Hirschhausen und Manfred Lütz sind meine Vorbilder.

Dagegen sind die Möpse in keinster Weise vorbildlich. Jene gehören nämlich zu den brachycephalen Hunderassen und leiden am Brachycephalensyndrom. Das kommt Ihnen griechisch vor? Stimmt! Die Wörter haben folgende Bedeutung: „brachy“ = kurz, „cephal“ = den Kopf betreffend. Von einem Syndrom spricht der (Tier-) Mediziner beim Vorliegen verschiedener Krankheitszeichen. Neben den Möpsen gehören zu den kurzschnäuzigen bzw. kurznasigen Hunderassen unter anderem Bulldoggen, Chihuahua, King Charles Spaniel, Malteser, Pekingesen, Shi Tsu, Yorkshire Terrier und Boxer. Verengte Nasenlöcher L- statt Komma-Form) und Nasenhöhlen, ein verlängertes und verdicktes Gaumensegel sowie ein veränderter Kehlkopf behindern die Atmung. Die Hunde sorgen durch ausgeprägte Schnarchgeräusche für einen gestörten Schlaf von Frauchen oder Herrchen. Atemnot (sichtbar an den blaugefärbten Schleimhäute, hörbar an den röchelnden Atemgeräuschen) sowie Erstickungs- und Ohnmachtsanfälle stellen jedoch schwerwiegendere Probleme dar. Als Folge der selektiver Zuchtmaßnahmen auf bestimmte Charakteristika im Gesichtsbereich (runder Kopf, sog. Kindchenschema, siehe nächster Abschnitt) kommt es noch zu anderen „Schönheitsfehlern“. Der Schöpfer muss Sehorgane und Kauleisten in einer viel zu engen Augen- bzw. Maulhöhle unterbringen. Er hilft sich damit, dass er die Augen hervorstehen lässt und die Zähne dreht. Passt doch! Eine Vorbestimmtheit für Augenverletzungen und Zahnschmerzen ist die Folge. Bitte stecken Sie ihren Finger in den Hals! Verspüren Sie einen Würgereiz? Bei einer Vielzahl der kurzschnäuzigen Hunde tritt er, verursacht durch die Gaumensegelanomalie, mehrmals täglich auf. Temperaturen über 20 °C vertragen die Hunde so gut wie nicht. Die oft vorhandene Fettleibigkeit spielt dabei keine Rolle. Verengte obere Atemwege führen über eine verminderte Oberfläche und einen behinderten Luftstrom in der Nase zu einer insuffizienten Thermoregulation. Die dargestellten Symptome sind bei den brachycephalen Hunden mehr oder weniger ausgeprägt. Das Versorgungsamt würde für alle aufgeführten Mitgeschöpfe einen Schwerbehindertenausweis ausstellen. Lediglich der Grad der Behinderung (GdB) wäre unterschiedlich: Malteser 40, Französische Bulldoge 60 und Mops 80. Durch die ebenfalls häufig auftretenden Geburtsstörungen werden zum Glück nicht so viele im Nasen- und Rachenbereich deformierte Welpen geboren.

Unter Kindchenschema versteht man die bei Menschen und bei vielen höheren Tierarten vorkommenden kindlichen Proportionen, die als Schlüsselreiz wirken und altruistische (selbstlose) Verhaltensweisen (Fürsorge, Nahrungsbeschaffung, Pflege) auslösen. Dadurch ist gerade im Tierreich garantiert ist, dass sich die Eltern um ihre Jungen kümmern. Die Menschen beurteilen Gesichter mit einem gewissen Kindchenanteil als besonders attraktiv. Ein paar Schönheitsoperationen machen Sie symphatischer. Das Auftragen von Schminke macht es jedoch ebenso. Auch die Hundezüchter haben das Kindchenschema für sich entdeckt. Die meisten Menschen lieben ihre kurznasigen, knuffligen Hunde. Noch während des Besuches der Hundeausstellung heißt es „So einen wollen wir auch haben.“ Infolge des relativen Mangels an den oben aufgeführten Rassen erzielen die Züchter ganz ordentliche Marktpreise, und das selbst noch in Polen.



Mann und ausgewachsener oder langnasiger Hund



Kind und Hundewelpe oder kurznasiger Hund

Mopsfidel? Ja! Dann kann ich Sie ja jetzt mit Gesetzestext langweilen. Im Europäisches Übereinkommen zum Schutz von Heimtieren heißt es: „Wer ein Heimtier zur Zucht auswählt, ist gehalten, die anatomischen, physiologischen und ethologischen Merkmale zu berücksichtigen, die Gesundheit und Wohlbefinden der Nachkommenschaft oder des weiblichen Elternteils gefährden könnten.“ Ich bin ungehalten, dass der Züchter nur „gehalten“ ist. Der FCI (Federation Cynologique Internationale), in dem auch der VDH (Verband für das Deutsche Hundewesen) Mitglied ist, wird in seinen Statuten etwas konkreter: „Zweck... ist, die Zucht und die Verwendung von Rassehunden zu unterstützen und zu fördern, deren funktionell einwandfreier Gesundheitszustand und morphologisches (= äußeres, Anm. d. Verf.) Erscheinungsbild den Anforderungen des Standards einer jeden Rasse entsprechen... .“ Laut Zucht-Ordnung des VDH wird eine Zuchtzulassung für den Hund erteilt, wenn u.a. „die vom Verein festgelegten Mindestanforderungen an die Gesundheit“ erfüllt sind. Der DMC (Deutscher Mopsclub) schreibt, um die Vorschrift des VDH umzusetzen, einen Belastungstest vor: „Danach muss der Hundeführer mit seinem angeleinten Hund in beliebiger Gangart eine fest vorgegebene Strecke von 1000 Metern in maximal 11 Minuten absolvieren.“ Das entspricht einer Geschwindigkeit von 5,5 km/h. Es handelt sich also um einen sehr gemütlichen Spaziergang. „ ...spätestens nach 15 Minuten müssen sich Herz und Atemfrequenz normalisiert haben, um den Belastungstest zu bestehen.“ Dem Mops kann „in den Sommermonaten... bei heißem oder schwülen Wetter... (durch) geeignete Maßnahmen“ das Flanieren erleichtert werden.

 

Anlässlich eines Besuches beim Kardiologen musste ich mit dem Mountainbike auf den Brocken fahren. Dabei herrschte eine Lufttemperatur von 28° C und eine relative Luftfeuchte von 80%. So sieht ein Belastungstest aus! Nach ca. 18 Minuten waren meine Körperfunktionen wieder im grünen Bereich. Ich kam mir vor wie ein reinrassiger Basenji, Kanarischer Podenco, Mexikanischer Nackthund oder Pharaonenhund (FCI, Kategorien 6 und 7, Hunde vom Urtyp, z.T. mit jagdlicher Verwendung, Auswahl).

Der Mops ist im 17. und 18. Jahrhundert in Mode gekommen. Er hielt in den Adelshäusern Einzug. Auf den Darstellungen (Zeichnungen, Figuren) der längst vergangenen Zeit hat der Mops eine Nase. Der Schädel hat keine Fußballform. Im Laufe der Jahrzehnte änderte sich die Vorstellung vom idealen Mops: kein Zinken, runder Kopf. Im 20. Jahrhundert setzte bei den Verbänden ein langsames Umdenken ein. Die Diskussion in der Öffentlichkeit, nicht zuletzt durch die Tierärzte angeregt, zeigte Wirkung. Unter dem Druck sich für die Rechte der Tiere einsetzender Menschen nahm der Gesetzgeber den Tatbestand der Qualzucht in das Tierschutzgesetz auf. So findet man im aktuellen FCI-Standard für den Mops unter Nasenschwamm die Forderung nach „weit geöffneten Nasenlöchern“. Laut Tierschutzgesetz ist es verboten, „Wirbeltiere zu züchten... , wenn damit gerechnet werden muss, dass bei der Nachzucht, ... erblich bedingt Körperteile oder Organe für den artgemäßen Gebrauch fehlen oder untauglich oder umgestaltet sind und hierdurch Schmerzen, Leiden oder Schäden auftreten.“ Ein Verstoß stellt eine Ordnungswidrigkeit dar. Er ist durch den Amtstierarzt konsequent zu ahnden. Gemäß Verwaltungsvorschrift misst sich in dem konkreten Fall die Höhe des Bußgeldes nicht in Tagessätzen, sondern in Möpsen. Der Verkaufswert eines Mopses (600 bis 800 EURO) wird wohl an das Veterinäramt abgeführt werden müssen. Strafe muss sein! Hundezwinger, welche brachycephale Rassen züchten, sind regelmäßig zu kontrollieren. In der Wurfsaison sind die Besichtigungen zu intensivieren.

Als krönenden Abschluss dieses glorreichen Kapitels deutscher Nachkriegstierliteratur möchte ich mich bei denjenigen Züchtern kurzschnäuziger Hunde entschuldigen, die das „Gutachten zur Auslegung von § 11b des Tierschutzgesetzes (Verbot von Qualzüchtungen)“ des Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz gelesen haben und ernstnehmen. „Das Gutachten soll insbesondere allen Züchtern von Heimtieren helfen, ihrer Verantwortung gerecht zu werden und die Vorschriften des Tierschutzgesetzes, welche die Züchtung betreffen, in vollem Umfang zu beachten. Ziel ist das vitale, gesunde, schmerz- und leidensfreie Tier.“ wird in den Vorbemerkungen durch die Sachverständigengruppe Tierschutz und Heimtierzucht formuliert. Der Mops wurde exemplarisch ausgewählt, da das Brachycephalensyndrom bei ihm besonders hervorsticht. Natürlich gibt es auch Ausnahmen! Der Leuchtturm in der Mopszucht sind die verbandfreien Retro-Mops-Züchter. Einen Einblick in deren Arbeit finden Sie zum Beispiel hier.

Andere kurznasige Hunderassen zeigen in der tierärztlichen Praxis ebenfalls das für derartige Hunde typische Krankheitsbild. Es ist in der Regel eben nur geringer ausgeprägt. Auch deren Züchter gehören angeprangert.

Nachtrag:

Der Dortmunder Appell verfolgt das Ziel, das Wohl uns die Gesundheit des Hundes konsequent und ohne Einschränkung in den Mittelpunkt der Zucht zu stellen.

Auszug:
"Die Unterzeichner sehen es als vorrangiges Ziel jedes Hundefreundes, sich für die Gesundheit und das Wohl unserer Hunde einzusetzen. Bisher wird in der Zucht aber viel zu wenig auf die Gesundheit der Hunde geachtet. Inzucht, Übertypisierungen, Erbkrankheiten bis hin zu Qualzuchtmerkmalen sind leider keine Seltenheit. Ganze Rassen können sich ohne aktive Hilfe des Menschen nicht mehr vermehren. Wir appellieren an die Verantwortlichen in den Zuchtvereinen und -verbänden, an die Züchter wie auch an die Hundehalter und Behörden, sich für eine nachhaltige Wende in der Zucht zugunsten des Wohles und der Gesundheit unserer Hunde einzusetzen!"

Unterstützent den Dortmunder Appell für eine Wende in der Zucht und zum Wohle der Hunde!